Die Grenzen des Sagbaren: „Studierendenkneipe“

Gestern durften meine geplagten Ohren folgendes Neusprech im Deutschlandfunk hören. Es ging um die Situation von Studenten mit Lockdownsyndrom:

Den meisten Studierenden fehlt der normale Hochschulalltag: Präsenzveranstaltungen mit Lerngruppen, mit dem Bier in der Studierendenkneipe.

Es handelt sich um das Bildungsmagazin „Campus & Karriere“, in dem sowieso schon bis zur Vergasung, bis zum Erbrechen und gegen jedes normale Sprachgefühl von „Studierenden“ die Rede ist. Auch im sonstigen Programm ist der „Studierende“ allgegenwärtig.

Die „Studierendenkneipe“ im gestrigen Beitrag zeigt dann aber noch mal überdeutlich, was für willfährige und zur völligen Selbstverleugnung bereite Stiefel- und Speichellecker des Zeitgeists beim Deutschlandfunk arbeiten.

Etwas später in dem Beitrag wollte man diesem Eindruck offenbar noch mal Nachdruck verleihen:

Da ist es denn für die Studierendenvertretungen ein schwacher Trost, daß die Studierendenkneipen in Konstanz seit einer Woche wieder geöffnet sind.

Studierende bis zur Vergasung. Man kriegt richtig Zustände, wenn man dieses Schwachsinnsdeutsch tagtäglich hören muß, das so offensichtlich allein an den Bedürfnissen des Gutmenschentums ausgerichtet ist und jedem normalen Deutsch Hohn spricht.

In was für einer Blase muß man leben, um die gute alte Studentenkneipe einer derartigen Geschlechtsumwandlung zu unterziehen? Um ignorieren zu können, daß kein normaler Mensch so spricht? Wie kaputt muß man im Kopf sein, um diese sprachliche Selbstverstümmelung freiwillig zu praktizieren?

Die Aussicht, ein guter Mensch sein zu können, weckt offenbar ungeahnte Kräfte bezüglich Selbstverstellung und Unauthentizität.

Im Deutschlandfunk und anderen Qualitätsmedien redet man viel von Filterblasen, von der Spaltung der Gesellschaft, von den Grenzen des Sagbaren. Besorgte Bildungsbürger senken ihren Blick auf den schlümmen rechtspopulistischen Pöbel, der an die krudesten Verschwörungstheorien glaubt.

Immerhin glaubt dieser Pöbel nicht, daß das Wort Studierendenkneipe eine Zukunft hätte oder „geschlechtergerecht“ sei.

Vielleicht sollten sich beide Gruppen mal zusammentun. Spießbürgerliche Gutmenschen auf der einen Seite und Querdenker, Reichsbürger, AfD-Wähler auf der anderen.

Die einen lernen dann, daß das Coronavirus keine Grippe ist – und die anderen lernen, daß die behauptete Geschlechtergerechtigkeit der Gendersprache nichts weiter ist als Fiktion, Aberglaube und weltfremde, elitäre Autosuggestion.

„Harris ist die erste Frau im Amt der Vizepräsidentin.“

Gestern war im Deutschlandfunk ein Bericht über die US-Einwanderungspolitik und die Rolle von Kamala Harris zu hören. Der Beitrag stammte von ARD-Korrespondent Torsten Teichmann und ist noch auf tagesschau.de nachzulesen.

Man studiere einmal folgende Passage:

In den USA steht die 56-Jährige damit nun endgültig unter Beobachtung. Die Erwartungen an sie waren von Anfang an hoch: Harris ist die erste Frau im Amt der Vizepräsidentin, die erste schwarze Amerikanerin, die erste Amerikanerin mit südostasiatischen Wurzeln auf dem Posten. Sie sei sich dessen bewusst, erklärte Harris vor Kurzem im Interview mit dem Fernsehsender CNN.

Es ist noch nicht so lange her, da war es selbstverständlich, vom „Amt des Vizepräsidenten“ zu sprechen. Der im Zitat markierte Satz macht die Fallstricke der Gendersprache deutlich. Ein Posten, der sich „Amt der Vizepräsidentin“ schilt, kann landläufig eben auch nur von einer Frau besetzt werden. Das entspricht dem herkömmlichen Sprachverständnis.

Gerade in diesem Kontext zeigt das generische Maskulinum seine Stärken, da der springende Punkt – erste Frau in einem zuvor nur von Männern ausgeübten Amt – viel besser zur Geltung kommt, wenn man schreibt:

Harris ist die erste Frau im Amt des Vizepräsidenten.

Der gendergerechte Satz bekommt also eine unverhofft komische Wirkung und verwischt quasi den historischen Moment der weiblichen Machtergreifung. Und es ist und bleibt natürlich auch ein peinliches Gutmenschendeutsch, das hier praktiziert wird. Vorauseilender Gehorsam gendersensibler Qualitätsjournalisten bei gleichzeitiger Ignoranz gegenüber sprachlichen Feinheiten jenseits des Gender-Paradieses.

Wie soll Harris die erste Frau in einem „Amt der Vizepräsidentin“ sein? Bzw. was ist daran so besonders?

Unser Sprachgefühl ist da eindeutig.

Feministinnen und Genderverstrahlte antworten an dieser Stelle für gewöhnlich beleidigt, daß jetzt eben mal zurückgeschlagen werde und die doofen Männer es ertragen müßten, daß man auch mal weibliche Formen verwende, und Männer mitgemeint seien.

Dieses Argument funktioniert aber eben nur in einer akademischen Blase der Selbstgerechtigkeit, in der man sich vom allgemeinen Sprachverständnis abgekoppelt hat. Man kann noch so sehr behaupten, daß ein Begriff wie „Amt der Vizepräsidentin“ generisch zu verstehen sei.

Man versteht ihn eben nicht generisch. Weil Sprache nicht in Professorenzimmern oder fanatisierten Feministinnengehirnen hergestellt wird. Oder sich von eingebildeter Moral beeindrucken läßt. Sprache konstituiert sich allein durch den alltäglichen Gebrauch. Durch das normale Volk. Sprache ist direkte Demokratie.

Was nicht der Konvention oder dem Sprachgefühl entspricht, wird schlicht aussortiert bzw. nicht für voll genommen.

An dieser Stelle fällt mir spontan ein Zitat von Immanuel Kant ein, das ich mal in einem Architekturforum aufgeschnappt hatte und das ein User in seiner Signatur verwendete:

Schön ist, was ohne Begriff allgemein gefällt.

Dieses Bonmot ist natürlich als ein bissiger Seitenhieb auf einige Spielarten der modernen Kunst und Architektur zu verstehen, deren „Schönheit“ oder Aussagekraft man sich nur mit einem Universi-tätsstudium und allerlei schöngeistiger Akrobatik herbeireden kann. Schönheit ist laut Kant also letztlich eine Sache der Schwarmintelligenz, des gesunden Menschenverstandes.

Schönheit ist kein Produkt intellektueller Verrenkungen, sondern des unmittelbaren emotionalen Erlebens.

Ich übersetze Kants Kommentar zur Ästhetik mal auf die sprachliche Ebene:

Sprachliche Sinnhaftigkeit ist, was ohne Begriff allgemein praktiziert und als sinnvoll empfunden wird.

Das ist natürlich das Todesurteil für die „geschlechtergerechte“ Sprache und all den pseudointellektuellen Müll drumherum. Und man kann gar nicht oft genug betonen, daß jeder Gender-Unfug bereits unweigerlich an unserem ästhetischen Empfinden scheitert – denke man sich auch noch so komplizierte sprachliche oder moralische Rechtfertigungen dafür aus.

Sprache ist nicht etwas, das man irgendwie herbeiargumentieren kann. Sprache ist gewissermaßen ein natürliches Lebewesen, das so, wie es ist, in Ordnung und richtig ist. Wissenschaftler können dieses Lebewesen beschreiben. Jeder Versuch aber, diese alltägliche Sprache mithilfe paranoider Denkfiguren in den Dreck zu ziehen, muß scheitern.

Und da fragt man sich erneut: Wie gestört und krank im Kopf müssen all die Gender-„Linguisten“ an den Universitäten sein, die diese einfache Wahrheit nicht begreifen? Sie haben einfach nicht verstanden, daß Sprache zu allererst Ästhetik ist. Sprache muß sich gut anfühlen. Und Gender-Lücken und Doppelnennungen fühlen sich definitiv so schlecht an, daß niemand – auch die meisten Gender-Spasten nicht – in seinem Alltag so spricht.

Immanuel Kant würde sicherlich herrlich gegen die Gendersprache polemisieren. Denn diese Sprache verdankt ihre vermeintliche Sinnhaftigkeit lediglich den Hirngespinsten verpeilter Akademiker, nicht einem unmittelbaren Empfinden.

Sinnhaftigkeit wird aber durch ein allgemein übliches Sprechen hergestellt, das jedermann ohne Nachdenken versteht. Die Gendersprache wird im Volk nicht praktiziert und existiert daher gewissermaßen gar nicht. An dieser Stelle muß man sich auch mal wieder Gedanken darüber machen, wieviel Lichtjahre eigentlich ein großer Teil der Linguisten davon entfernt ist, das Wesen von Sprache zu verstehen.

Diese Leute kommen einem vor wie Bauingenieure oder Physiker, die nicht wissen, was ein rechter Winkel ist, und die sich einfach neue Naturgesetze ausdenken, weil ihnen die alten irgendwie nicht passen.

Und das labeln sie dann als „antiautoritäre Physik“, die mehr Diversity in die Welt bringt. Die Welt hat geradezu gewartet auf diese neuen Gesetze – nur funktionieren sie irgendwie noch nicht so richtig.

Man kann sich so progressiv fühlen, wie man will. Ein „Amt der Vizepräsidentin“ entspricht einfach nicht dem Sprachgefühl. Auch wenn ich Kamala Harris dieses Amt sehr gönne.

Das gegenderte Amt schmälert nur unnötig den Bedeutungsraum und erzeugt eine gewisse Redundanz.

Auf diese Dinge haben übrigens auch schon die drei Professorinnen hingewiesen, die jüngst gegen die Kastration des generischen Maskulinums im Online-Duden protestierten. Im Menüpunkt Presseschau ist ein Artikel zu diesem Thema verlinkt.

Ein Satz wie folgender befriedigt zwar den Gleichstellungsbe-auftragten in uns, transportiert aber auch eine gewisse Ambivalenz:

Bundeskanzlerin Angela Merkel gehört zu den wichtigsten Politikerinnen der Welt.

Wie hört sich dieser Satz an:

Bundeskanzlerin Angela Merkel gehört zu den wichtigsten Politikern der Welt.

Nun ja.

Das generische Maskulinum hat eben durchaus seinen Sinn.

Und Gendern macht Frauen mitunter unwichtiger und kleiner, als sie es eigentlich sind.

Die kulturelle Unbehaustheit der Monika Grütters

Kürzlich ergatterte ich mal eine mittelalte Ausgabe des „Focus“ vom Ende des letzten Jahres. Darin ein Artikel über das neue Berliner Stadtschloß und ein Interview mit unserer obersten Kultur-gouvernante Monika Grütters, ihres Zeichens CDU-Mitglied und kurzzeitig auch Chefin des Berliner Landesverbandes.

Wie weit die deutschen Konservativen schon degeneriert sind, kann man wohl folgender Passage entnehmen, in der Grütters kräftig gendert und der die Frage vorausging, was am Humboldt-Forum denn so anders sein werde im Vergleich zu anderen ethnologischen Museen:

Viele dieser Museen in Deutschland und auch anderswo erzählen eher aus der eigenen und damit vor allem aus der europäischen Perspektive. Im Humboldt Forum wurden dagegen viele Präsentationen im engen Austausch mit Vertreterinnen und Vertretern der Herkunftsgesellschaften erarbeitet.

Darüber hinaus werden wir es dem Humboldt Forum ermög-lichen, ein nachhaltiges Residenz-Programm für Kuratorinnen und Kuratoren aus diesen Ländern zu etablieren.

Würde man nicht wissen, daß Monika Grütters hinter diesen Zeilen steht, könnte man auch einen linksparteilichen Kultursenator als Urheber vermuten – oder eine grüne Diversity-Beauftragte. Dieses zwanghafte Gender-Deutsch hört man jedenfalls fast ausschließlich aus den Mündern von Vertretern des linken Spektrums – von der allgegenwärtigen Phrase „Bürgerinnen und Bürger“ mal abgesehen.

Unseren Politikern fällt die Künstlichkeit dieser sprachlichen Ver-renkungen ja gar nicht mehr auf. Gleichzeitig beklagen sie Politikverdrossenheit und „Rechtspopulismus“.
Sie sind auch verblödet und verblendet genug, um nicht mehr zur Seite treten zu können, mal kurz innezuhalten und sich zu fragen, warum sie dieses geschwollene Kunstdeutsch nicht auch im Privaten praktizieren.

Diese und andere nur zu offensichtliche Widersprüche sind ihnen und all den anderen Gender-Propheten schlicht egal. Zweifel sind konterrevolutionär und stören nur den Endsieg des Guten.

Soziologen sollten sich mal zur Abwechslung nicht mit der „Konstruktion von Geschlecht“ befassen, sondern mit der Kon-struktion von „Geschlechtergerechtigkeit“. Nur ein kleiner Tip von mir für mehr akademische Diversity.

Eigentlich wären Konservative ja dazu da, um ein Korrektiv zu bilden gegenüber linken Spinnereien. Aber diese Korrektiv-Funktion hat die CDU offenbar an die AfD outgesourct – die wiederum im Geiste der Planübererfüllung ans Werk geht.

 

In der Menü-Rubrik „Panorama“, die bis vor kurzem noch „Chronik“ hieß, sammle ich die eine oder andere Merkwürdigkeit, die einem so ins Auge fällt, wenn man unsere Medien im Hinblick auf Gender-Gedöns studiert. Dort werde ich auch die obigen Einlassungen von Monika Grütters endlagern.

Die ganz normale Gendersprache hat ja sowieso schon einen ziemlichen Nervfaktor. Aber hin und wieder zeigt sich die Absurdität dieses Gutmenschen-Idioms etwas deutlicher und drastischer. Und diese Momente möchte ich in der Rubrik Panorama festhalten, die ich immer mal wieder neu befülle.

Es wird auch noch die eine oder andere weitere Kategorie hin-zukommen. Die echten Gaga-Momente werden natürlich auch noch ihren wohlverdienten Platz erhalten. Es bleibt ja nicht bei Nervigkeiten wie bei unserer Kulturpflegekraft Grütters. Manchmal wird es auch richtig gaga.

Ganz auszuschließen ist es ja nicht, daß wir es bei dem Gegendere in Wirklichkeit mit einer dadaistischen Kunstform zu tun haben, die uns dafür sensibilisieren will, wie schön unsere Sprache eigentlich sein könnte, wenn sie nicht durch Ideologien deformiert wird. Alles eine riesige Kunstperformance von Marina Abramovic, die den sprach-lichen Masochismus feiert und zur neuen Lebensform erklärt.

Schön wär‘s.

Vielleicht sollte mal irgendein Künstler mit Eiern einfach ein großes Stück weißes Papier mit allen möglichen Gender-Abarten und Unarten vollkritzeln und das dann als moderne Kunst lobpreisen. Titelvorschlag: „Ich gendere, also bin ich.“

Wo ist eigentlich Joseph Beuys, wenn man ihn mal braucht?

Zur Not tut es auch Marcel Duchamp.

Wäre ich Künstler, würde ich einfach einen zwei Meter großen Gender-Stern auf die Leinwand malen oder abdrucken und das Kunstwerk dann „Le genderstar“ taufen. Aufmerksamkeit und Publicity wären mir gewiß. Kunststudenten würden Doktorarbeiten über meine geniale Kunst schreiben. Feministinnen und Gleich-stellungsbeauftragte würden mich entweder feiern oder wegen Blasphemie kastrieren.

Oder wie wäre es mit einem ähnlich großen Schriftzug aus dem Wort „Führer*innen“? Wobei der Gender-Stern dann natürlich durch ein drolliges Hakenkreuz ersetzt wird. Das Kunstwerk bekommt dann den Titel „Wenn Nazis gendern“.

Ich sehe schon eine große Zukunft als Künstler vor mir. Hoffentlich kriegt Anselm Kiefer keinen Wind von diesem Artikel.

Na ja. An dieser Stelle kann man ja ruhig mal sagen, daß heutige Künstler einfach keine Eier mehr haben, ein Dasein als gleich-geschaltete Gutmenschen fristen und völlig unfähig sind, auch mal Gesellschaftskritik zu üben, die nicht vulgärorthodoxgeschmeidig links ist.

Aber zu guter Letzt noch mal zurück zu Monika Grütters und ihrer Kunstsprache. Vor nunmehr knapp drei Jahren, als Monika noch Berliner CDU-Chefin war, bezeichnete unsere Reichskultur-verweserin einmal – mit Blick auf proletarisierte, gottlose Ossis aus Marzahn – Ungläubige als „kulturell Unbehauste“.

Ich bezeichne hiermit Monika Grütters ebenfalls als kulturell un-behaust.

Denn künstliches Gender-Deutsch gehört ganz gewiß nicht zu unserer vielgerühmten teutonischen Kultur.